Religion und Religionsausübung
Abschnitt 1
Afghanistan
September 11. 200

Okt. 7. 01, der Gegenschlag
Das Selbstmordattentatet als logisches Problem.
Eitelkeit und verletzte Eitelkeit als Identität.
Zivilisiertes  Miteinander
aller Nationen- auch des Islams.
Demokratie und Obrigkeit
Entwicklung in Religion und Politik seit 630 n.Chr.

Abschnitt 2
Dschihad
Römerbrief
Das Paradies im Islam
Ein logisches Problem

Abschnitt 3
Titel 1
Titel 2
Titel 3
Titel 4
Titel 5

Abschnitt 4
Titel 1
Titel 2
Titel 3
Titel 4
Titel 5
Titel 6
 

Der Islamist Yasar Nun Öztürk, 

geboren 1945, arbeitete als Rechtsanwalt und promovierte 1980 in
islamischer Philosophie; seit 1993 ordentlicher Professor, zur Zeit Dekan der
Theologischen Fakultät an der Universität Istanbul. Professor Oztürk ist der
bekannteste zeitgenössische Theologe der Türkei mit einem großen Einfluß
auf breite Schichten der Bevölkerung, z. B. mit über 500 Fernsehsendungen,
über 30 Büchern in meist zweistelligen Auflagen und einer täglichen
Kolumne in der größten türkischen Tageszeitung Hürriyet. Er hielt Vorträge
in vielen Ländern wie den USA, der Schweiz, Deutschland und im Nahen
Osten. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

versucht eine Klärung, indem er Religion und Religionsausübung unterscheidet: 
(400 Fragen zum Islam, 400 Antworten, 1998. Grupello Verlag, Düsseldorf,
Seite 58) 

„Frage 65. Der Glaube ist also eine Angelegenheit der
Seele, eine psychologische und mystische Sache;
der Islam hingegen ist ein soziologisches
Phänomen, das aus der praktischen Umsetzung
der gesellschaftlichen Ordnung hervorgeht.
Können wir es so sagen? 
 

Ja, so läßt es sich ausdrücken. Der Vers belegt dies deutlich. Der Mensch, der die islamische Ordnung der Gesellschaft lebt, nimmt die Bezeichnung Muslim an und zieht Nutzen aus den gesamten Wohltaten des Islams. Niemand reißt seine Brust auf und schaut nach, was er in seinem Herzen verbirgt. Der wichtige Aspekt ist folgender: Der Koran gewährt uns nicht die Möglichkeit, zu sagen, daß derjenige, der die Praxis äußerlich nicht vollzieht, den Glauben verloren habe.

Die Bestätigung des Glaubens ist eine der Besonderheiten, die einzig unter dem Monopol Gottes stehen. Nicht einmal dem Propheten Muhammed war es erlaubt, sich in diesen Bereich einzumischen. Selbst er soll gesagt haben: »Ich kann nicht in die Herzen der Menschen blicken, ich schenke einzig ihren Aussagen Beachtung.«

Betrachten wir von diesem Ausspruch ausgehend die universellen Gesetze und die Gesamtheit des Islams, so müssen wir folgenden Punkt mit Nachdruck unterstreichen: So wie das Verrichten der religiösen Pflichten ohne den Glauben sinnlos ist, so wenig ist es möglich, keine Zweifel gegenüber demjenigen Glauben zu hegen, der sich vollständig religiösen Pflichten entzieht. Damit die Öllampe des Glaubens stets leuchtet, muß sie mit der Ausübung der religiösen Pflichten genährt werden. Kurz gesagt: Die unendliche Gnade des göttlichen Wortes darf nicht in eine Gleichgültigkeit umgemünzt werden.

Es gibt auch noch andere Erkenntnisse, zu denen uns diese Unterscheidung führen kann. Auf eine möchten wir noch hinweisen. Sie führt vor allen Dingen zu der Einsicht, eine Unterscheidung zwischen Religion und Religionsausübung zu treffen.

Religion ist die göttliche Weisheit, die die Offenbarung gebracht hat; Religionsausübung ist das Bild, welches sich durch die Kommentierung und Stärkung dieser Weisheit durch verschiedene Bedingungen in bestimmten Zeiten und Orten manifestiert. Dieses Bild wird in der islamischen Literatur serîat (islamisches Recht) und millet (Religionsgemeinschaft) genannt.

Der Koran verweist auf Gewohnheitsrecht und Brauch als eine Quelle des Rechts (siehe beispielsweise Sure 7, Vers 199). Das Gewohnheitsrecht nimmt einen wichtigen Platz im islamischen Recht ein aber es ist nicht identisch mit der Religion. Denn dem Koran zufolge ist es einzig Gott, der die Religion einsetzt. Im Gegensatz hierzu entwickeln die Gemeinschaften das Gewohnheitsrecht. Gewohnheitsrecht und Brauch sind nicht ein Teil der Religion, sondern der Religionsausübung.

In der Religion bildet der Glaube die Grundlage, in der Religionsausübung hingegen die Praxis. In der Religion können wir von Unveränderlichkeit und von Zeitlosigkeit sprechen; in der

Religionsausübung hingegen können wir Veränderungen ausmachen, die den Zeiten und Epochen und den Herrscherdynastien entsprechen. Kurz gesagt: Die Religion ist das Wesen und der Kern; und die Religionsausübung ist die Art und die Form, die dieses Wesen trägt. Folgendes Prinzip aus dem Kapitel der Gesetzessammlung Mecelle, das die allgemeinen Gebote behandelt, verweist auf die Religion: »Es besteht keine Möglichkeit, die Endgültigkeit der Offenbarung in Frage zu stellen.« Ein anderes Prinzip verweist auf die Religionsausübung: »Mit der Veränderung der Epochen geht auch eine Veränderung der Herrschaft und der Gesetze einher.«

Eine kurze und ausreichende Erläuterung zur Unterscheidung zwischen Religion und Religionsausübung finden wir in den Ausführungen des großen Korankommentators Elmah Ha mdi Yazir zu Sure 1, Vers 4. Wir wollen hier einige Zeilen zitieren:

»Man darf die Bedeutung von zwei Begriffen nicht miteinander vermischen: die Bedeutung des Substantivs din und des din, das als ein Verbalsubstantiv für die Ableitung des Begriffs diyanet (Religionsausübung) dient. Diyanet ist ein Begriff, der die Eigenschaft des Menschen beschreibt und subjektiv ist. Din hingegen ist ein realer und unveränderlicher Begriff, welcher das eng verbindende Thema des Menschen ist. Der Unterschied zwischen den beiden ist wie der Unterschied zwischen einem subjektiven Ausspruch und den Prinzipien und Gesetzen, mit denen dieser Ausspruch in Verbindung steht. Mit anderen Worten: Religion ist ein System und eine Wahrheit, die Gott eingerichtet hat, Religionsausübung ist eine Einrichtung, die der Mensch geschaffen hat. Diejenigen, die diese Unterscheidung nicht treffen können, verfallen im Namen der Wissenschaft einem Fehler.“ «