Entwicklung in Religion und Politik, 18. Nov. 01
Abschnitt 1
Afghanistan
September 11. 200

Okt. 7. 01, der Gegenschlag
Das Selbstmordattentat als logisches Problem.
Eitelkeit und verletzte Eitelkeit als Identität.
Zivilisiertes  Miteinander
aller Nationen- auch des Islams.

Was ist Gott

Demokratie und Obrigkeit
Entwicklung in Religion und Politik seit 630 n.Chr.

Abschnitt 2
Dschihad
Römerbrief
Das Paradies im Islam
Ein logisches Problem

Abschnitt 3
Titel 1
Titel 2
Titel 3
Titel 4
Titel 5

Abschnitt 4
Titel 1
Titel 2
Titel 3
Titel 4
Titel 5
Titel 6
 

Religionswissenschaften?en?
Im Unterschied zu den Theologien der verschiedenen Religionen und deren Konfessionen, wie sie in der verschiedenen Kirchen, Moscheen, Tempeln und Schulen vertreten, gelehrt und gelernt werden, in denen Veränderungen, Erneuerungen, konservative Rückbesinnung oder progressive Weiterentwicklung jeweils entsprechend "subjektive" quasi zentrifugal zunehmende Unterschiedlichkeit und Abgrenzung zu anderen akzentuieren, bedeuten oder bedeuten können, dürften die Religionswissenschaften - auch in den kulturell unterschiedlich eingebundenen Universitäten z.B. in New Delhi, Peking, Tokio, Paris, London, New York, Amsterdam, Berlin, Moskau, Johannisburg usw. - unter dem Vorzeichen der Konvergenz, der Koordinierung und Angleichung stehen.

Ein Vergleich mit der Anthropologie zwingt sich geradezu auf. So unbezweifelbar der Mensch in seinem Wesen, in seinem Dichten, Trachten, Denken, Glauben und Fühlen empirisch und wissenschaftlich nicht meßbar und erfaßbar ist, wobei nur er selbst seiner einmaligen individuellen Existenz bewußt werden kann und als solche - als heutiger Entwicklungsstand - auch politisch von den internationalen Menschenrechten in seiner Würde geschützt ist, so finden wir dennoch in allen Ländern und Kulturen der Erde die Wissenschaften vom Menschen, von der Physiologie, Medizin, Psychologie bis zur Soziologie und Politik, die alle einen gemeinsamen internationalen Standart anstreben. Die Analogie zu den Religionswissenschaften ist denn auch keineswegs zufällig. Und es ist keineswegs so, als ob man die Entwicklung des  Menschen als eine Verwissenschaftlichung verstehen dürfte, wie es in der Tat der Empirismus abendländischer Aufklärung dachte und anstrebte, was ja nur Gleichmacherei und eine Vermassung des Menschen bedeuten könnte, sondern auch die forcierte Bildung in den sozialistischen Staaten, die als Kampf gegen den Analphabetismus als eine der Hauptleistungen des vergangenen Jahrhunderts gelten darf, die sicher unter solchem irrigen Vorzeichen begonnen hatte, führte im Gegenteil mit der  zunehmenden  Bildung zu einer Individualisierung des Menschen und zu einem nationalen, kulturellen, ethnischen und religiösen Partikularismus.

Die Entwicklung des Menschen in den vergangenen 1500 Jahren ist denn auch weit komplexer und vielschichtiger, als es die Entwicklung der Wissenschaften ist. Dennoch kann man die Entwicklung des Menschen nicht ganz von den Entwicklungen in den Wissenschaften und in der Technik losgelöst betrachten, vor allen Dingen ist die mit Bildung, Wissenschaft und Technik verbundene Konditionierung zum logischen Denken und Argumentieren ein wesentliches Prädikat modernen Bewußtseins. Und selbst die rein sachlichen Veränderungen und auch Verbesserungen der Lebensverhältnisse durch die Globalisierung, durch Information, Presse, Fernsehen, weltweite Finanzstruktur und Mobilität hat Anteil an solcher Entwicklung, die wir heute wohl eher Emanzipation nennen, wobei ethisch verstanden  natürlich die Entscheidung und Entscheidungsmöglichkeit und -pflicht zu Gut oder Böse und die Verantwortung dem Menschen nicht abgenommen werden kann. Und wenn die Moral mit der Entwicklung und mit dem zunehmenden Bewußtsein eigener und einmaliger Existenz auch wohl kaum zugenommen hat und die Anfälligkeit zu Betrug, Bestechung und Übervorteilung wohl gleich geblieben ist, so ist es dennoch wohl die zunehmende Fähigkeit zum logischen Denken und zur differenzierteren Reflexion des eigenen Handelns, weswegen die niedere Kriminalität wie Rauferei, Prügelei, Raub und Mord vorwiegend nur noch in den weniger gebildeten Kreisen an der Tagesordnung ist, wie die Gefängnisstatistiken belegen.

Was in der Anthropologie als solche Unterscheidung bei der Betrachtung von Physischem und Geistigem, als Körper und Geist, als Leib und Seele seit Menschengedenken auch unterschiedlich gesehen wurde, weil es selbstverständlich scheint, und in der Entwicklung solcher Erkenntnis zu unterschiedlichen Richtungen tendiert, bezüglich des Geistes zur Individualisierung, zum Partikularismus und zum Säkularismus und im Physischen, Empirischen und Materiellen zu den Wissenschaften mit weltweitem Standart, zu größeren politischen Gemeinschaften, zu perfekteren Gesellschaftsordnungen, zur Demokratie und zur besseren Rechtsordnung bis zur Globalisierung, wobei sich beide unterschiedlichen Tendenzen komplementär bedingen, hat nicht nur Auswirkung auch auf die inhaltliche und soziale Struktur der großen Religionen, sondern ist umgekehrt auch Folge, wenn nicht zum Teil Sinn der großen Religionen. 

Mit anderen Worten, je emanzipierter und vernünftiger die Bevölkerung ist, um so weniger kann man sie in despotischer, kleinkarierter Willkür enger Provinzregionen behandeln, regieren und einsperren, weswegen die einstigen Kolonialmächte die Allgemeinbildung in den Kolonien auch nur zögernd förderten, - wenn nicht verhinderten; und als positiver Aspekt: um so weniger braucht oder muß man sie in solcher Bevormundung reglementieren. Zur Veranschaulichung: noch vor knapp 500 Jahren konnte sich selbst Luther eine Selbstregierung des "gemeinen" Volkes nicht vorstellen. Und selbst der letzte deutsche Kaiser im vergangenen Jahrhundert konnte bzw. wollte sich nicht zu solcher Einsicht bequemen. Daß man nur aus diesem Grunde auch Frauen solche Grundrechte verweigerte, ist zwar einseitig aber durchaus richtig gesehen.

Aber selbst bis heute ist eine Definition dessen, was hierbei als Entwicklung und Emanzipation in beiden Richtungen, nämlich Individualisierung und Globalisierung, gemeint  und selbstverständlich ist, keineswegs geglückt und wird weitgehend nur auf die beiden Kriterien Bildung und Wohlstand als Voraussetzung für Gerechtigkeit und Freiheit reduziert, was sich eben nur in einer weitgehend demokratischen Sozialstruktur realisieren läßt. Die beiden anderen Aspekte eines modernen friedlichen Miteinander, die mit den Begriffen Gesetz,  Ordnung und Sicherheit umschrieben sind, die durch die jüngsten Terroreskalationen von kriminellen Minderheiten thematisiert werden, sind immer weniger handlungsbestimmend und gelten und werden aktuell für Außenseiter, die ein gegenseitiges Vertrauen mißbrauchen und für außergewöhnliche Situationen. Dieses Selbstverständliche zusammen, was wir heute mit Sozialisation umschreiben würden und das seit Menschengedenken in kleineren Gemeinschaften entstand und bestand, wo jeder jeden kannte und einschätzen konnte und sich entsprechend auch gekannt und eingeschätzt wußte und was jeweils durch Tradition und Lebenssituation unterschiedlich strukturiert war, zeichnet sich heute quasi als weltweite Sozialisation ab, - allerdings mit einer neuen Struktur und Entwicklung, die von den Religionen teils getragen, forciert oder wenigstens mitgemacht wird, teils aber als religionsfeindlich oder als im Widerspruch zur jeweiligen Religion empfunden wird, wie umgekehrt dann auch Religion teilweise als rückschrittlich empfunden und abgelehnt wird bzw. in einer neuen globalen Dimension neu entdeckt wird.

Aber nicht nur begrifflich und definitorisch befindet sich dieses Selbstverständliche, was wir innerhalb dieser Struktur von Sozialisation Entwicklung oder Entwickeltsein oder Emanzipation nennen, scheinbar in einem Desaster, d.h. in einem Zustand von Unsicherheit, weil es eben für diese neue Situation noch keine durch Tradition gefestigte Formen oder Normen gibt, sondern eben auch in der Realisation dieser neuen globalen Dimension, d.h.wie sich der Einzelne mit seinem neuen Anspruch auf Individualität in der neuen Situation zurechtfindet und behauptet. Dabei muß man vergegenwärtigen, daß die Struktur einer solchen  sog. Sozialisation, z.B. in einer einfachen Dorfgemeinschaft, weit komplizierter und vielschichtiger ist, als deren nur äußere Form, die sich in der Sprache widerspiegelt. Allein die Anzahl der Bewertungs- und Wertkriterien, nach denen wir uns beurteilen, werten und gewertet - also gekannt werden und wodurch ja auch unser Verhalten - bewußt oder unbewußt - bestimmt wird, und die wohl noch kein Mensch gezählt hat, dürfte die Anzahl der Wörter und grammatischen Regeln wie die Verlautungsformen jeder einzelnen Aussage durch die Stimme  solcher Sprache einer Gemeinschaft um ein Vielfaches übersteigen. Würde man dabei von einem gewissen Standart sprechen, als den man eine Sprache bzw. solches Kennen und Erkanntwerden bezeichnen kann mit dem jeweiligen bestimmten Dialekt bestimmter Regionen, so bedeutet ein solcher gewissermaßen nicht nur eine vereinfachte Absprache durch Gewohnheit und Tradition als Möglichkeit, sondern zugleich auch eine entsprechende Abhängigkeit von solcher Norm. Denn "Struktur" von vielleicht Hunderttausend Wertbedeutungen bedeutet nicht nur die Summe oder einfache Addition aller Bedeutungen, sondern ist bereits in sich von einer Vielschichtigkeit, die ich hier nur andeuten kann - aber auf sie auch hindeuten muß -, denn allein diese Schichtbedeutungen beginnen mit dem verwandtschaftlichen Bezug der Familie und Sippe, durch die sie beim Erlernen der Sprache und aller Grunderfahrungen vermittelt wurden, bis in genetische, phylogenetische und ontische Tiefen. Derart bedeutet z.B. "Tisch" zugleich eine Abgrenzung zu allem, was Nicht-Tisch ist, wie auch die Behauptung der Gültigkeit dieses Wortes "Tisch" für den Begriff für den deutschen Sprachbereich und bedeutet das Wissen für die Ungültigkeit dieses Wortes jenseits des Sprachbereiches, was ursprünglich zugleich so etwas wie Gefahr bedeuten konnte oder begrenzte Gültigkeit meiner ganzen Person, wenn ich aus dem deutschen Sprachbereich abstamme. Derart kann die Körpergröße eines anderen Menschen, wenn sie mit einer bestimmten Körperkraft einhergeht, Schutz bedeuten und Prestige, wenn es sich um einen Freund oder Bodygarde  handelt und zugleich die Gefahr der Abhängigkeit und der eigenen Minderwertigkeit, wie diese Körpergröße zusammen mit Körperkraft beim Feind und Gegner Gefahr bedeuten kann und als Eigenschaft des Feindes in Zusammenhang mit anderen aggressiven Zeichen Gefahr und Nachteil für einen selbst.

In solcher Vielschichtigkeit ist die Struktur dieser Wertbedeutungen weit komplexer und komplizierter, als Grammatik und Vokabular einer Sprache, was nur als die Oberfläche oder Andeutung solcher Struktur gelten kann, wobei  jeweilige Grammatik und jeweiliges Vokabular selbst noch Teil dieser Wertestruktur ist, nach der wir werten und behandeln wie auch gewertet und behandelt werden.

So ist die typische Fremdenfeinlichkeit einer Dorfgemeinschaft zum großen Teil darin begründet, daß ein Außenseiter solche Formen nicht kennt, womit zugleich ja auch dessen entsprechende Bindung für dessen Verhaltens fehlt als die fehlende Bindung, Verbindlichkeit und entsprechende Berechenbarkeit, was ein Nichtkennen, Nicht-abschätzenkönnen und damit Unsicherheit und deswegen sogar Angst bedeutet. Und in der Tat neigt ein Mensch in der Fremde zu Verhaltensweisen, die er in seiner normalen sozialen Umgebung vermeiden würde.

Zum Teil sind solche oft archaischen  Wertsegmente älter als jede menschliche Geschichtsschreibung, die sich manchmal in Märchenerzählungen und Mythen artikuliert haben und so archaiswch auch erkennbar sind wie z.B. der dargestellte Kannibalismus im Märchen von Hänsel und Gretel, oder im deutschen Märchen von "Sieben in einem Streich", in dem ein Schneider durch die falsche Angabe, sieben Menschen getötet zu haben, zu Ansehen und Ehre kommt.

Die großen Religionen wurden in solche komplexe und teils archaische Wertgebilde praktisch hineingepflanzt und sind dort

1. Wertstruktur neben anderen Wertstrukturen, 

wenn sie durch Missionierung, Eroberung, Überfremdung usw. durch andere Kulturen, Religionen und Sozialgemeinschaften oder durch Verbindungen mit solchen hinzukommen;

2. älteren oder neueren Strukturen über- oder untergeordnet, 

3. andere Bezeichnung älterer oder neuerer Strukturen.

Andererseits wurden die Religionen ausschließlich mit Hilfe bestehender Strukturen und bestehender Begriffe verkündigt und aus solchen gebildet, wie man aus Steinen einen großen Raum bildet mit einer neuen Bedeutung. So bedeutet  z.B. das deutsche Wort "herrlich" nicht mehr die  Eigenschaft des Mannes, sondern wurde ein Wertbegriff des Positiven überhaupt, der zur Bezeichnung oder Zuweisung des Positiven auch auf ganz andere Werte und selbst auf Gott bis heute angewandt wird, dessen Reich wir deutschen Christen als Herrlichkeit bezeichnen, ohne daß damit etwas Maskulines sondern nur etwas Positives gemeint ist, wie wir es im Englischen ähnlich bei dem Begriff LORD vorfinden. Bestehende, ältere oder ähnliche  Werte und Begriffe werden und wurden derart religiöse Bedeutungen und Werte, ohne allerdings in vielen Fällen die ursprüngliche Bedeutung als Konnotat ganz zu verlieren.

Andererseits aber erwuchsen so die Religionen aus älteren Wertstrukturen und bedeuten deren Veränderung.

Diese genannten vier grundverschiedenen Vorgänge, die zum größten Teil ganz unbewußt und unreflektiert Teil unseres Denkens und Verhaltens werden, schließen einander nicht aus und gehören insgesamt zu dem, was wir Entwicklung nennen.

Ähnlich vielschichtig, wie ich es oben vorweggenommen am Beispiel der Religionen andeutete, ist auch der Prozess zu sehen, mit dem Wissenschaft und Technik, Rechtsstaat, Staatswesen, Infrastruktur, Mobilität, Medien und Informationswesen, Mode, Architektur und Kunst, Literatur und Fernsehfilme,  Städteplanung, Ernährung, Handel und Wandel Teil des normalen Lebens und dieser Wertestruktur geworden sind.

Der mentale Tastsinn des Menschen ist ein regelrechtes Wunderwerk, der all dieses, was Theologie, Wissenschaft und Philosophie erst im Ansatz zu verstehen beginnen, zum größten Teil ganz unbewußt und selbstverständlich aufnimmt und handhabt. Denn es ist ja gerade dieses Aufnehmen und Handhaben nur durch das jeweilige Individuum, wodurch solche gemeinsamen Werte und Begriffe, die ja nicht wie empirische Gegenstände durch die Luft fliegen oder wie elektrische oder telepatische Leitungen zwischen den Menschen innerhalb  der Kulturen, Religionen und Völker aufgespannt sind, überhaupt Realität besitzen. Und da es sich um etwas Menschliches handelt, sind wir Menschen auch dafür verantwortlich, auch für unser Verständnis des Religiösen.

Es sind gerade die rapiden Veränderungen unserer Zeit zur Globalisierung einerseits und andererseits als Entwicklung zu einer Veränderung zum Positiven, in der die Menschheit nämlich wieder zu einer gemeinschaftlichen und friedlichen Familie wird - wie Gott es will -  mit einer zunehmend  gemeinsamen Wertestruktur, wodurch allerdings auch Irritationen und Mißverständnisse entstehen können und entsprechender Mißbrauch möglich wird. Denn die Entwicklung zum Positiven bedeutet nicht, daß dem Menschen die jeweils eigene Entscheidung zum Guten oder Bösen, zum Richtigen oder Falschen abgenommen werden könnte. Zur Menschlichkeit des Menschen gehört, daß er frei zwischen Gut und Böse, Falsch und Richtig entscheiden kann und muß. Der Mensch ist heute so gut und verschlagen wie vor tausend Jahren. Der Zwang zum Guten wäre nur durch die Entmündigung, durch Terror und Versklavung des Menschen zu erreichen, was keinesfalls Gottes Wille und menschliche Bestimmung ist, sondern wäre ganz wörtlich nur Unmenschlichkeit und keineswegs Göttlichkeit oder Islam.

Grundtendenzen der Entwicklung.

Wenn wir  oben an einfachen Beispielen der Entstehung, der Überlagerung und Bedeutung von Wertstrukturen eine Ahnung von deren Komplexität und Kompliziertheit bekommen konnten, so gilt es jetzt, die Grundtendenzen ihrer Entwicklung - bis heute und ab heute in die Zukunft - zu verstehen.

Wenn wir dabei von einer Gesetzmäßigkeit sprechen, dann gilt diese natürlich auch für all das, was wir vorher als Entstehung, Überlagerung, Vermischung und Bedeutung anführten.

Gesetzmäßigkeit einer Entwicklung der Wertstrukturen darf man allerdings nicht so verstehen, und damit kommen wir zu einem der schlimmsten und ältesten Irrtümer auch der Modernen, d.h. der Gegenwart, als ob, wie schon gesagt, solche Werte und ihre Strukturen Gegenstände, Geister oder Lebewesen wären, die so ähnlich wie Wind und Wolken durch die Luft fliegen oder wie Leitungsdrähte zwischen den Menschen aufgespannt wären und bestimmten Naturgesetzen oder Schaltplänen folgten, denen dann auch der Mensch ausgeliefert wäre. Wir sprechen dabei oft von dem Zeitgeist, von der Mode oder von einem Ismus wie dem Nationalismus, Kommunismus, Kapitalismus, usw., was immer nur als Andeutung  bestimmter gesellschaftlicher Phänomene berechtigt ist, nicht aber als Vorstellung, als handle es sich um Determinanten, Geister oder Geisteskrankheiten, denen der Mensch willenlos ausgeliefert wäre. So kann ich mich persönlich als Christ zurecht auch als Moslem, Kommunist, Sozialist und auch als Gaulist bezeichnen, so wie ich in jeder Statistik als Mann, als Autofahrer, als Hausbesitzer, als Radfahrer, Internetsurfer, als Deutscher und als Europäer, als Kontoinhaber usw. eingeordnet und klassifiziert bin, ohne daß ich durch all dieses zu einem bestimmten Denken und Verhalten gezwungen und determiniert wäre. 

Dieses heißt im schlimmsten Fall, daß man mich nur durch Totschlag von einem bestimmten Verhalten abbringen kann. Noch schlimmer als das ist aber die fatale Ansicht, daß ich mich selbst durch eine solche Kategorie zu einem bestimmten Verhalten gezwungen oder verpflichtet fühle, vielleicht dadurch, daß ich solchen Ismus für etwas höheres halte als mich selbst und als mein eigenes Gewissen und als meine eigene Verantwortung vor Gott und den Menschen. Beides sind in der Tat so etwas wie eine Geisteskrankheit oder wie Aberglaube, die sich gegenseitig hochschaukelten und denen im 20. Jahrhundert viele Millionen Menschen zum Opfer fielen, weit mehr als im Mittelalter der Hexenjagd in Europa und der Inquisition. Nicht jedoch der Kommunismus, der Nationalismus oder der Gaulismus sind Geisteskrankheiten. Dies gilt es eben zu unterscheiden von dem Glauben oder Aberglauben, daß es sich dabei um Geister, Ungeister, Determinanten oder Krankheiten handelt. Für einfache und ungebildete Gemüter  ist solche Unterscheidung allerdings oft schwierig, weswegen sie auch leicht zu verführen sind. Aber auch akademisch und theologisch gebildete Menschen stolpern über das Argument, als ob es sich bei solchen Ideen oder Gedanken wie "Kommunismus", "Sozialismus", "Nationalismus" usw. durchaus um reale Dinge handele, die z.B. als Buch, Manifest, Programm, Handlungskonzept oder Schriftstück gekauft und verkauft oder anderweitig verbreitet werden können und als Gemeinschaften, Organisationen und geographische Gebilde mit realen Grenzen und Regierungen konkrete empirische Wirklichkeiten seien.

Der Teufelskreis aller Ismen.

Kannibale-sein als empirische Tatsache.

Ein simples Beispiel dafür, wie leicht ein solcher Wahnsinn nicht mehr als solcher sondern als die reine Vernunft erscheinen kann: Eine Kriegergemeinschaft von Kannibalen besaß einst die Theorie, daß man die Kraft des Feindes erhält, wenn man ihn verspeist, und diese unerfreuliche Gemeinschaft  hält es nun für ihre Pflicht und Verpflichtung, mich  zu verspeisen. Nun kann ich diese Theorie zwar für falsch halten und deswegen ablehnen, aber ich tue gut daran, die Gefahr, verspeist zu werden, in der ich mich befinde, für ganz real zu halten. Der Kanibalismus der Kannibalen wird dadurch jedoch wie ein Determinator, wie ein Naturgesetz zum Zwang nicht nur der Kannibalen, sondern auch für mich, entsprechend zu reagieren. Es wäre im Gegenteil quasi Selbstmord, dieses nicht zu tun und Vorsorge zu treffen, rechtzeitig zu fliehen, diese Leute zu meiden oder mich auf Leben und Tod zu verteidigen. Und selbst jene Kannibalen brauchen ihrer Ansicht nach die Kraft, um sich gegen andere Kannibalen verteidigen zu können, wie auch die anderen dieses Motiv haben. Es ist praktisch nichts anderes als modernes Wettrüsten und moderner Militarismus des 20. Jahrhunderts.

Und wie meistens versteckt sich der dreifache Teufelskreis unseres Beispiels hinter menschlicher Unredlichkeit, hinter Verschlagenheit, Betrug und Selbstbetrug. Denn 1. wird  bereits meine Gegenansicht, daß Kannibalismus keineswegs die Kraft des verspeisten Feindes vermittelt, zum Beweis für die Gegnerschaft und Feindschaft genommen, auch wenn solches Argument nur vorgeschoben ist. Denn ob nun Vorwand oder nicht, das ist der 2. Teufelskreis, geht es dabei gar nicht um die Wahrheit, ob nun Kannibalismus dem Kannibalen tatsächlich die Kraft des verspeisten Kannibalen oder Feindes vermittelt oder nicht, sondern darum, diesem Feind oder feindlichem Argument zuvorzukommen, ihn praktisch zu überlisten. Der 3. Teufelskreis des "Wettrüstens" dürfte aus jüngster Vergangenheit ideologischer Kriegsführung noch jedem geläufig sein.

Ich bin versucht, noch etliches mehr an beschämenden Parallelen zwischen  jenem Kannibalismus zu noch immer aktuellen politischen, wirtschaftlichen, religiösen und ideologischen Konflikten unserer Zeit aufzuzeigen, ob nun Staaten, Mächte oder Firmen andere Staaten, Mächte oder Firmen zu verspeisen und sich dabei zu stärken oder dem zuvorzukommen versuchen, - immer der eigene Vorteil zum Nachteil des anderen -  oder ob es sich dabei um rassistischen, kultur- oder relegionspatriotistischen Darwinismus handelt. Deutlich werden konnte, daß es der jeweilige Teufelskreis von Eskalation ist, der die Frage nach der Wahrheit verdunkelt, die  nur noch zum Argument des rhetorischen Spiels verkommt. 

Entwicklung und Emanzipation in solchem materiellen  Sinne von Fortschritt wäre dagegen, wenn der Vorteil des einen zugleich auch Vorteil des anderen ist, wie es beispielhaft das moderne Konzept allgemeiner Schulbildung und freier Wirtschaft ist - oder sein sollte, wodurch Kannibalismus z.B. - zwar nicht wie Terrorismus als Denkbarkeit und Möglichkeit - aber doch als Zwangsvorstellung und Zwangsjacke von selbst verschwindet. 

Der nichtdeterminierte Mensch.

Das Gegenbeispiel zu jener scheinbar empirischen Tatsache von Kannibale-sein oder Kannibalismus, wodurch der Mensch zu einem bestimmten Verhalten quasi gezwungen scheint, soll nun ein wahrhaft empirisches Objekt darstellen, nämlich eine Brücke zwischen zwei Stadthälften. Dieses Gegenbeispiel soll zugleich die beiden Komponennten thematisieren, die für die Entwicklung und Emanzipation der Menschheit zum Besseren ganz entscheidend sind, Individuum und Gemeinschaft.

Sind zwei Stadthälften beiderseits eines Flusses durch nur eine Brücke miteinander verbunden, dann würde dieses aus der Luftperspektive so aussehen, als strömten die Menschen den ganzen Tag in einer sich zur Brücke hin verdichtenden Trichterform durch diese Verkehrsöse hin und zurück.

Ein Statistiker könnte die Menge und Richtung des Verkehrsstroms für jede Tagesstunde genau berechnen, wie ein Physiker die Kraftlinien eines Magneten berechnet. Und sicher würde auch hier und erst recht hier keiner bestreiten, daß es einen kausalen Zusammenhang zwischen Brücke und Verkehrsstrom gibt. Dennoch wäre es gerade hierbei absurd, weiterzuschließen, als ob der einzelne Mensch von der Brücke gezwungen würde, die andere Stadthälfte zu besuchen. Dieses bleibt die freie Entscheidung des Einzelnen. 

Dennoch ist es nicht erst die große Zeitkrankheit der Moderne des vergangenen Jahrhundert, die Formen und Formeln der Statistiker und Soziologen, nach denen gesellschaftliche und politische Prozesse berechnet werden können (und ja auch müssen), für Determinanten zu halten oder für Werte und Kategorien, die auch über den einzelnen Menschen stehen, als ob sie über das Verhalten des Individuums bestimmten, wie an letzterem Beispiel deutlich wird, - als ob die Brücke über das Verhalten des Einzelnen und der "Masse" bestimmen könnte, und dies zeigt denn auch, daß die beiden aufgeführten Beispiele beide nur eher symbolhaft und proklamativ für den offenkundigen und uns ganz selbstverständlichen Gegensatz vergangener Barbarei als Kannibalismus und jene verbindende Brücke als emanzipierte Vernunft gegenwärtiger Aufgabe dienen können, wobei man reflektierend das Allgemeine aber eben nicht über jede individuelle Entscheidung und Verantwortung stellen sollte, was am letzteren Beispiel mit der Bücke auch selbstverständlich scheint.

Aber was an dieser Selbstverständlichkeit keineswegs auch offensichtlich und nur einfach zu reflektieren ist, ist mehr als nur ein einfacher Denkfehler, sondern führt uns unversehens zum einen in die Tiefe menschlicher Denkstruktur, zum anderen zu dem Bifurkationspunkt wie er in ältester Geschichte der Menschheit wie auch in jeder wie auch unserer Gegenwart die beiden Richtungen enthält, die wir als Glaube und Religion einerseits so wie Technik, Methode, Zivilisation und letztlich Wissenschaft andererseits kennen, zu dem Punkt also, wo sich Religion und Zivilisation sowohl trennen wie auch wieder begegnen. Wahrscheinlich ist es die Erkenntnis letzterer Richtung von Erkenntnis, deretwegen auch schon seit Urzeiten die Geschichte von der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Denn Glaube und Vertrauen, - nicht nur zu Gott sondern gerade auch zum Mitmenschen innerhalb dessen Entscheidungsfreiheit - , was gerade wegen dessen Entscheidungsfreiheit und Entscheidungsmöglichkeit immer Unberechenbarkeit und Unsicherheit bedeutet, führt und führte in jeder Kultur und Zivilisation eben nicht nur zu Vereinbarungen, gemeinsamen Werten als Konventionen, zu Gesetz und Ordnung, sondern immer zugleich zur Versuchung, als könne man damit Gott und den Menschen berechenbar machen, als könne durch Gesetz und Recht auch Gerechtigkeit, als könne mit Wissenschaft auch Wahrheit erzwungen werden, als sei Wissenschaft swelbst auch Wahrheit und als sei die Anwendung der Wissenschaft die Instrumentalisierung der Wahrheit, als gehorche die Natur dem Menschen. 

Der Sinn menschlicher Erkenntnis ist ohne Zweifel der, eine solche Erkenntnis durch Handlung auch anzuwenden, bei der Suche nach Nahrung und Geschlechtspartner zum Existenz und Arterhalt, zur Kommunikation und zur sozialen und politischen Organisation, zur Konstruktion von Werkzeugen und Hilfsmitteln bis zur Domestizierung von Fauna und Flora. 

Bewußte Erkenntnis und Lernfähigkeit sowie die sinnvolle Anwendung und Umsetzung bei der Entscheidung und Handlung finden wir auch im höheren Tierreich. Und wie die Bezeichnung "höher" bereits beinhaltet, wenn wir höhere von niederen Tierarten unterscheiden, so verstehen wir den Menschen phylogenetisch oder biologisch als eine Weiterentwicklung zum Höheren. Und um die folgenden wichtigen Überlegungen zu unserem Thema "Entwicklung" zu vereinfachen will ich dieses bekannte Phänomen der Entwicklung in der Natur analogisch als Illustration zwischen- oder innermenschlicher Entwicklung benutzen:

Man könnte sagen, auf einer höheren Stufe der Entwicklung, oder in einem höheren Stand oder einer besseren Konditionierung werden kompliziertere Zusammenhänge erkannt und können als kompliziertere Zusammenhänge als Werkzeuge, Erzählungen, Informationen oder Gesellschaftsordnungen angewandt und realisiert werden. So ist z.B. das Leben in einer hochzivilisierten Welt von heute menschlicher, komfortabler und in den Möglichkeiten unendlich vielschichtiger als vor tausend Jahren, aber eben auch komplizierter. Offenkundig werden soll dabei, daß es sich einerseits bei dieser Entwicklung um eine logische und technische Seite handelt, der andererseits aber auch eine ethische und moralische zugrunde liegt. So können z.B. heute die Gesetzbücher recht einfach gedruckt werden, so daß jeder Richter in jeder Stadt eine verbindliche Anweisung haben kann, so daß die Gerechtigkeit nicht mehr abhängig ist von der Intelligenz, der Laune oder dem Charakter eines zufälligen Richters. Das heißt, ein wichtiger Aspekt der Gerechtigkeit besteht dabei also nicht nur in dem, was mit dem oder in dem Gesetz formuliert ist, sondern auch in der Tatsache, Möglichkeit und Notwendigkeit, die sich aus der technischen Konstruktion und Existenz einer Buchdruckmaschine ergibt. Dies heißt, in der modernen Welt ist das Leben bereits durch solche Rechtssicherheit auch menschlicher und ethisch hochwertiger geworden, obwohl die Menschen weiterhin, wie vor tausend Jahren, je nach Belieben gut oder böse sein können. Wie wir wissen, sind die Menschen heute so verschlagen und gemein, wie vor tausend Jahren. Aber wie die Statistiken belegen, ist die gegenseitige Verläßlichkeit und ein entsprechend mögliches gegenseitiges Vertrauen mit zunehmender Bildung und in geordneteren Verhältnissen, sowohl sozial wie politisch gesehen, weit größer, während Mißtrauen, Kriminalität, Diebstahl, Mord und Totschlag aber auch Armut mit weniger Bildung und in weniger geordneteren Verhältnissen proportional zunimmt, obwohl gerade dort mehr an Frömmigkeit und Religiösität zu finden ist. 

 Diese Tatsache hat in unserer Zeit zu schlimmen Mißverständnissen geführt: Aufklärung, Bildung und technischer Fortschritt wurde als Entwicklungsmotor einerseits fast zur Religion, andererseits führte sie zur voreiligen Religionsfeindlichkeit oder Religionsverachtung mit der Gegenreaktion, daß von religiösen Menschen die Aufklärung, wie Bildung, technischer Fortschritt und Zivilisation als eine Gefahr für die Religion abgelehnt und, wie bei den jüngsten Terroranschlägen gegen die USA, sogar bekämpt wird.

Um das Mißverständnis beiderseits als solches zu erkennen, gilt es heute sowohl logisch wie theologisch zu fragen, was denn mit Erkenntnis und Anwendung von Erkenntnis, also mit einer Handlung eigentlich gemeint ist. Wenn ich den Lauf der Dinge und der Welt erkenne, d.h. die Gesetze, nach denen alles geschieht, dann wäre eine freie Handlung, sei sie nun gut oder böse, falsch oder richtig, ein Geschehen, daß eben nicht nach den Naturgesetzen geschieht, sondern nach meinem Willen. So ist jede Handlung, sei sie gut oder böse, sei sie falsch oder richtig, keinesfalls Folge eines Naturgesetzes, - auch wenn ich dabei ein solches benutze und anwende, - sondern eine Störung des normalen Verlaufs der Dinge, oder jedenfalls etwas Neues in der Welt. Dies gilt für eine gute Handlung, wenn ich z.B. einen Menschen in einer Dürrekatastrophe vor dem "natürlichen" Verhungern bewahre, d.h. das logische und natürliche Verhungern verhindere, oder wenn ich als böse Tat z.B. durch einen Terroranschlag viele Menschen und Familien zerstöre, die normaler Weise glücklich weitergelebt hätten.

{Hier entsteht noch ein weiterführender Eintrag,(Verstandenes,Verstehen, Verstehenkönnen, Verstehen wollen, Verstehenmüssen, existenziell) )Gemeinnutzen statt Eigennutzen zum Schaden oder Nachteil anderer)}

Dennoch sind Religionen weit grundsätzlicher angelegt als auf Erkenntnis und Organisation des Physischen einerseits und des Geistigen, Seelischen und Transzendenten andererseits, was wir Christen eine Verweltlichung und Trivialisierung des Heiligen nennen würden und zu dem gehört, was wir allgemein als Kultur bezeichnen. Die Verwirklichung menschlicher Bestimmung und Möglichkeit im Heiligen und keineswegs nur im irdischen und physisch + geistigen Sinne z.B. als Komfort eines zivilisierten Wertesystems friedlichen Miteinanders schließt aber Letzteres nicht nur  nicht aus, sondern bedeutet weitgehend die Bedingung oder Vorstufe solcher Selbstverwirklichung.

Dieses Heilige ist den Religionswissenschaften nicht zugänglich und auch nicht dem spekulativen, strategischen und logischen  Denken allgemeinmenschlicher Erkenntnis ud Vernunft

So darf auch Religionswissenschaft keineswegs als Synkretizismus oder als eine Entwicklung und Reform der Religionen verstanden werden, sondern im Gegenteil als Weg zum gegenseitigen Verständnis. Denn wie der Mensch durchaus einen empirischen Aspekt besitzt, der den Wissenschaften zugänglich ist und z.B. infrastrukturelle Planungen und Maßnamen ermöglicht, wie sie in der Stadt unumgänglich sind, und medizinische Versorgung ermöglicht, so finden wie auch in den Religionen den empirischen, rein formalen und meßbaren Aspekt.

Die Entwicklung und Emanzipation der Religionen auf unserer Erde zu beschreiben, was ich im Folgenden versuchen muß, dürfte noch schwieriger sein, weil eben nicht meßbar und empirisch nachweisbar, was ich am Beispiel der abendländischen Reformation und Gegenreformation versuchen will. 

Religion einerseits und Wissenschaft andererseits und in der Anwendung dann Kirche, Konfession und Sekte bei Ersterer und Politik, Kultur und Technik in der Anwendung der Wissenschaft, tendieren von Natur aus zu diesen entgegengesetzten Richtungen, wobei wir zuerst die jeweilige Plausibilität der jeweiligen Richtung verstehen sollten, aber auch die jeweils unterschiedlichen Wahrheitsaussagen und vor allen Dingen das jeweilige Fehlen oder Vernachlässigen der jeweilig entgegengesetzten anderen Wahrheitsaussage, und dann, daß es sich bei dieser "Natur" der beiden Richtungen nicht um Gut und Böse, Falsch und Richtig handelt, sondern um die Komplexität der menschlichen Natur und Erkenntnis, der wir sowohl in jeder Religion und Religionsrichtung wie in jeder Wissenschaft, - auch in der Mathematik - begegnen, wenn auch mit den unterschiedlicher Betonung, und letztlich dann auch in der Sprache und in der Identät des Menschen.

Partikularismus als die Tendenz des Religiösen.

a. Vergangenheit, Reform.

Wenn wir religionswissenschaftlich von einer Tendenz oder Entwicklung des Religiösen in den Religionen sprechen wollen, - in unserem Fall von einer Entwicklung der vergangenen 1500 Jahren - , sind wir gezwungen, einen Vergleich der Gegenwart mit den Ursprüngen, also mit der Vergangenheit zu ziehen. Dies beinhaltet objektiv die Schwierigkeit, daß eine Reflexion auf Vergangenes immer vom Gegenwärtigen ausgeht, so daß Vergangenheit zeitlich und als Bewußtsein praktisch nur  nach der Gegenwart und nicht vor dieser gebildet werden kann. So ist das Präfix "Re" in den Begriffen "Reformation" und "Gegenreformation" denn auch von ambivalenter Bedeutung. Während im Abendland die Reformation einerseits unter dem Vorzeichen von Renaissance, Humanismus, Wissenschaft und Bildung, individueller Mündigkeit und Verantwortung Fortschritt und Weiterentwicklung aus dem sog. dumpfen Mittelalter der Bevormundung bedeutete, begründeten und rechtfertigten die Reformatoren andererseits die angestrebten und vollzogenen Veränderung mit der Rückbesinnung auf die heiligen Schriften, auf das Urchristentum und auf die Person und Lehre Jesu. Aber eben auch der Blick auf die Person Jesu, auf die seiner Jünger, auf die Zeit Jesu und der Urkirche ist ein heutiger Blick mit den in 1500 Jahren gewachsenen Erfahrungen mit der Religion und der entsprechend  Menschenkenntnis und ist deswegen keineswegs der gleiche, mit dem Jesus seine Gegenwart sah und mit dem seine Jünger ihren Meister sahen.

Diese leicht übersehbare Selbstverständlichkeit solcher Ambivalenz, - leicht übersehbar, weil so selbstverständlich, -  liegt noch vor jedem Ansatz zur weitergehenden Erkenntnistheorie, Bewußtseinstheorie, Absichtstheorie und Handlungstheorie.

 Hierin liegt aber eben das, was wir in der ebenfalls doppelten Bedeutung als Progreß bezeichnen: Wie Reform heute als Entwicklung und Veränderung zum Besseren als Progress und progressiv benannt und verstanden wird, und keineswegs als Rückschritt, nämlich zum Schlechteren hin, so suchen wir dennoch, eben ganz selbstverständlich - die größere Gültigkeit und Wahrheit im Alten, im Ursprung, und zwar als von der Ursache zur Wirkung hin. Wissenschaftlich, d.h. Religionswissenschaftlich bedeutet dieses ethisch nichts anderes als wahrhaftig zum Richtigeren hin, wobei sich die protestantische Theologie bei der Suche nach der empirisch-wissenschaftlich belegbaren Wahrheit ursprünglicher Lehre, nach dem historischen Jesus und Evangelium bereits im 19. und entgülig im 20. Jahrhundert  in die Position zurückgesetzt und genötigt sah, was wir philosophisch als Regreß bezeichnen, wenn wir umgekehrt von der Wirkung auf die Ursache schließen, von den heiligen Schriften auf die Urkirche und von dieser auf Jesus und seine Lehre - und zwar mit dem heutigen Blick der heutigen Erfahrung und Menschenkenntnis.

Die von vielen als fatal empfundene Gegebenheit, daß die Christen von Jesus  als dem Verkünder keine authentischen, geschichtlich relevanten und autorisierten "Belege", Beweise, Dokumente usw. besitzen, sondern nur relativ spät entstandene und noch später geänderte Überlieferungen, Widergaben und Schilderungen nur des bereits - vom damaligen Stand der Situation und Erkenntnis als dem damaligen Status quo abhängigen - verherrlichten und gepredigten Jesus als den Christus erleichtert andererseits aber die Besinnung auf diese Abhängigkeit von einem jeweils heutigen Urteil und erzwingt solches geradezu. 

Vor dem Abgrund der scheinbaren Relativierung des Evangeliums müssen wir uns fragen: Was wäre anders, wenn wir den leibhaftigen Jesus jener Zeit in unserer Mitte und vor den Fernsehkameras und in Talkshows bei uns hätten? Er würde Kranke heilen, - wie viele andere auch - und würde er heute etwas anderes predigen und nicht eben genau das sagen: Dein jetziger, heutigen, gegenwärtiger Glaube - nämlich in deiner eigenen Kompetenz - hat Dir geholfen. 

a. Vergangenheit, Gegenreform.

Die Gegenreformation, auch wenn sie ordnungs- und machtpolitisch organisiert und initiiert war, fand sich in gleicher Ambivalenz, nur in der umgekehrten Argumentation und Folge. Der Status quo als die gegenwärtige Gültigkeit und Kompetenz der Kirche, der kirchlichen Aussage und der entsprechenden kirchlichen Form und Struktur, was es zu erhalten galt, bedeutete erst mal nicht die Relativierung des Vergangenen sondern war und ist im Gegenteil der reale Beweis für die Wahrheit und Wirklichkeit des Alten, weil ja dessen Folge, wie dies auch für alle Überlieferungen, Sprachregelungen und Traditionen galt. Wenn auch unbewußt war und ist derart die Existenz der katholischen Kirche auch für die protestantischen Kirchen das eigentliche Standbein und der Ausgangs- wie Orientierungspunkt für reformatorische Veränderungen, wie nicht anders das Bestehen und Weiterbestehen des Judentums überall in der christlichen Welt quasi der sichtbare Beweis war und ist für die Wahrheit und Wirklichkeit des Evangeliums, - wenn auch vielleicht uneingestanden und unbewußt. Das, was Gerold Prauss mit "kontingent, wirklich, empirisch, real" vom Kontext aller Beziehungsdaten einer Erkenntnis abhängig weiß, um Täuschung, Illusion und Traum von der Wirklichkeit unterscheiden zu können, bzw. umgekehrt

 

(aus: Prof.: Hans Joachim Schoeps: "Die großen Religionsstifter" Holle Verlag, Seite 16-20)

In allen Stiftungsreligionen ist das Interesse für die Person des Stifters vom ersten Anbeginn an rege, und fundamentale Lehrdifferenzen über die Wesensart der Stifterperson treten auf. Man denke nur an die christologischen Kontroversen der frühchristlichen Kirche, die prophetologischen Diskussionen im Islam und die Debatten zwischen Hinayanisten und Mahayanisten über die Buddhagestalt. Ja, die Botschaft des Stifters tritt hinter das Interesse für seine Person zurück. Dabei liegt es aber so, daß alle Religionsstifter sich zunächst nur als Bevollmächtigte gewußt haben, die einen Auftrag auszuführen hatten: Jesus weiß sich vom Vater gesandt; Muhammed war ein rasul (Bote) Allahs; Zoroaster des Ahura Mazda; das Tao spricht durch Laotse, und auch Buddha beansprucht nicht, seine Erleuchtung ganz durch sich selbst gehabt zu haben. Psychologisch und charakterologisch gesehen sind diese Persönlichkeiten alle voneinander auf das äußerste verschieden. Doch verbindet sie auch wieder, daß sie alle ihr inneres Gleichgewicht haben, Extreme und Exzesse ablehnen. Auch Muhammed, der mehr als die anderen zum emotionalen Radikalismus neigt, ist keine Ausnahme, wurden doch auch seine Haltung und sein Charakter zur Richtschnur der Perfektion für die Muslims. 

Sowohl die Erfahrung wie die Plausibilität läßt uns annehmen, daß die Spaltung einer Religion oder die Abtrennung von ihr, bzw die Gründung einer neuen Religion die  Ursache darin hatten oder haben können, daß man 

1. eine Erfahrung, eine Überlieferung oder einen Text der heiligen Schriften anders, dh. unterschiedlich verstehen, auslegen oder begründen kann;

1a. daß man konservativ d.h. bewußt beharrend und erhaltend besonders stark gegen die andere Auslegung und gegen die Abspaltung, Trennung oder die Neugründung einer Religion, Konfession oder Sekte und den daraus resultierenden Partikularismus reagiert.

2. daß man bedingt durch Tradition, Veranlagung, Umstände, Probleme oder Bedürfnisse, also subjektiv, zu eigenen und anderen Schwerpunkten, Interpretationen, Gemeinschafts- und Religionsformen kommt.

3. daß man aus sprachlichen, politischen (nationalen oder ethnischen) oder aus gesellschaftlich strategischen Gründen eine Trennung oder Abgrenzung zu anderen bestehenden Formen oder Auslegungen festsetzt.

4. Als weiterer Schritt zum Subjektivismus ist die Subjektivität des Glaubens vom Wesen her bereits Partikularismus. Ich will dieses am Beispiel meiner eigenen Frömmigkeit illustrieren: Lese ich einen Bibel-, Koran oder Taotext, so bedeutet mir der gleiche Text nicht nur in verschiedenen Lebensabschnitten des Alters immer etwas anderes, sondern auch von Situation zu Situation, von Stimmung zu Stimmung und vielleicht sogar zu verschiedenen Tageszeiten des gleichen Tages etwas Verschiedenes. Und dieses eben weitgehend unabhängig von der Form und Art der Wahrnehmung und des Textes. Hieraus ableitend könnte ich sagen, daß nur in der jüdischen Grundreligion der Abrahamäischen Religionen, Gott bzw. Religion als ein explizites Verhältnis zu einer Menschengruppe verstanden wird, während in der Neuzeit ein jedes Individuum eigentlich mit dem jeweils persönlichen Verhältnis zu Gott auch eine eigene Konfession ist.

Form und Inhalt.

Was Punkt 4 indirekt aber implizit besagt, ist, daß mit dem Lesen der heiligen Schrift die Frömmigkeit, die Nähe des Heiligen, also Religion und jedwede wie auch die religiöse und theologische Erkenntnis keineswegs mechanisch durch den Griff zur Bibel, zum Koran, zur Tora oder zum Pelikanon usw. hergestellt wird, sondern bereits vorher, und eigentlich nur durch das, was mich zur heiligen Schrift greifen läßt, also einfach durch die Intention dieser Handlung. Dies gilt auch für den Gang zum Tempel, zur Kirche, zur Mosche oder zur Synagoge und selbst für die Worte des Gebets.

Daß wir umgekehrt solcher Formen und Gewohnheiten bedürfen, um zu solcher Intention als einem Bewußtsein zu kommen, ist natürlich menschliche Schwäche, die uns zugleich mit dem Zweiten Gebot in Konflikt bringt, uns kein formales Bild von dem Heiligen machen zu sollen, wenn wir z.B. für den Erhalt solcher Formen wie denen der Kirche oder denen des Islam beten.

Der Heilige - oder im Buddhismus das Heilige - und die Nähe zu ihm, ist das Höchste und Wertvollste an erfahrbarer Wirklichkeit, die nicht zugleich Objekt ist,, das dem irdischen Menschen möglich ist, und es ist zugleich der Ursprung oder Anlaß einer Problematik, die das Subjektive und jeweils einmalige des Erlebens als grundsätzliche oder elementare Differenz in einen Bezug setzt mit der Übereinstimmung und dem tiefsten und ebenfalls elementaren Bezug zum Mitmenschen wie zum Leben überhaupt, was nichts anderes ist, als Übereinstimmung und Identität, was allen großen Religionen als Nächstenliebe und als Ehrfurcht vor dem Leben inhärent ist. 

Es gilt, diese Identität als Struktur von Differenz und Übereinstimmung zu verstehen, wobei sich Letzteres ja in den Wissenschaften und Religionswissenschaften und Theologien sowohl als Thema wie als soziale Struktur - und damit auch politisch manifestiert.

Andererseits ist es genau dieser absolute Partikularismus, nämlich die individuelle und damit ganz subjektive Intention als Glaube, Religion und Frömmigkeit, der uns mit den anderen Formen anderer Konfessionen und Religionen verbindet, insofern, als wir diese Formen nicht mehr nur als Trennungsmauern sondern als Verbindungselemente und Gemeinsamkeiten sehen und verstehen und damit überwinden können.

Die Möglichkeit der Reflexion darauf durch die Erfahrung und Kenntnis davon ist sicher eine Folge und eines der wertvollsten Ergebnisse der menschlichen geistigen Entwicklung im Sinne der Qualität, aber das Erkannte selbst ist das Grundelement des Lebens überhaupt, zum einen ganz physisch von der einfachen Zelle bis zur menschlichen Haut, wo die Abgrenzung zur Außenwelt immer zugleich die Verbindung zur belebten und unbelebten Außenwelt ist, ohne die weder Nahrungsaufnahme noch Erkenntnis und Kommunikation möglich wäre, zum anderen aber auch psychisch, philosophisch, theologisch und letztlich auch politisch. So ist die jeweils individuelle Existenz von Leben von der Einzelzelle bis zum Menschen einerseits nichts anderes als der absolute Partikularismus und andererseits zugleich die Möglichkeit und Unvermeidbarkeit der Gemeinschaft, die in der unbewußten pflanzlichen und tierischen Natur der ganzen Erde uns als ökologisches und darwinistisch evolutionäres Gedränge, als Fressen und Gefressenwerden und als Erfolgsbereich nur des Stärkeren - jeweils in seinem Gebiet und in seiner Nische - begegnet, was für den Menschen jedoch, soweit er sich vom Tiersein unterscheidet und emanzipiert, weltweite, globale friedliche Gemeinschaft und Kommunikation, Handel und Wandel, Freundschaft und gegenseitige Hilfe bedeutet. Für den frommen Menschen, der Gott kennt und mit ihm und aus ihm lebt, erweitert sich solche noch immer durch eine anthropozentrische d.h. irdische Befangenheit begrenzte Gemeinschaft (und Erkenntnis) zum Reich Gottes.

Partikularismus und Individualität ist also auch im religiösen Glauben keineswegs ein Widerspruch zur Globalisierung, die heute in aller Munde ist und als relativ neues Element erkannt und eigentlich erst dadurch auch wirklich wird, sondern ist deren Folge, Ziel und Ergebnis.

Wir sollten solche Globalisierung keineswegs als Bewußtseins- und Handlungsraum und Privileg nur der Reichen, Gebildeten oder gar nur der Amerikaner in den zivilisierten Ländern sehen und das Reich Gottes nur als ein Bewußtseins- und Handlungsraum und Privileg nur von auserwählten Mystikern, Theologen und Gelehrten in den Klöstern und Tempeln

Wenn es nur einen Gott gibt, kann es also bei einem Streit um Konfessionen und Religionen nur um solche Formen gehen

 

Wird fortgesetzt.

Begriff

Beider Entwicklungen  kann man als Entwicklung der Qualität wie auch als Verlust einer bestimmten Qualität vertreten, verteidigen oder beschreiben.