Die religionswissenschaftliche Betrachtungsweise

 

Aus: “DIE GROSSEN RELIGIONSSTIFTER und ihre Lehren“

Von HANS JOACHIM SCHOEPS, Professor für Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Erlangen, 1950, HOLLE VERLAG DARMSTADT UND GENF

 

Die Menschheit wird ohne Religion leben nur, wenn sie es muß. Sie hat aber schon manches Müssen überlebt. Fr. Overbeck: "Christentum und Kultur“ (1919, S. 296)

 

Die großen Religionsstifter und ihre Lehren sind Gegenstand dieser Darstellung, die ein zentrales Thema derjenigen Wissenschaft behandelt, die man Religionsgeschichte oder Religionsphänomenologie auf historischer Basis nennt. Es ist dies eine andere Wissenschaft als die Theologie. Theologie ist immer konfessionelle Theologie, d. h. sie beruht auf bestimmten Glaubensiehren und hat zur Voraussetzung, daß der eigene religiöse Glaube die absolute Wahrheit sei. Die Religionswissenschaft macht eine solche Annahme nicht; sie hat es zu tun mit dem Gesamtbestand der religiösen Erscheinungen in der Menschheit und macht alle vorhandenen Religionen gleichermaßen zum Gegenstand einer annähernd objektiven, d. h. sich von wertenden Urteilen fern haltenden Erkenntnis und versucht, die religiösen Phänomene wissenschaftlich zu behandeln. Religion ist der Religionsgeschichte nicht Offenbarungsinstanz, deren es naturgemäß nicht mehrere geben kann, sondern eben nicht mehr als Religion, d. h. nicht Glaube, sondern Phänomen. Die Religionsgeschichte geht vorn allgemeinen Begriff der Religion aus, während die Theologie sich an das in einer speziellen Religion glaubensmäßig Offenbarte hält. Die Theologie hat ihren Maßstab in der Kirche. Religionswissenschaft ist keine normative Wissenschaft; sie urteilt nicht über Wahrheit oder Wert der einzelnen Religionen oder der Religion überhaupt. Sie verfährt überhaupt nicht normativ, sondern ist nur historisch zu fundieren. Die Religionsgeschichte sieht jede Religion als ,,individuelle Totalität“ an, wie Ernst Troeltsch sagte, als ,,unvergleichlich in ihrer Eigenart“. Die Vielzahl der Religionen ist ihr als Phänomen vorgegeben; soweit sie sich auf Offenbarung beziehen, ist auch der Offenbarungsg1aube für sie Gegenstand der Erforschung.

Die Religionswissenschaft, die Phänomenologie der Religionen ist eine sehr junge Wissenschaft, die zwar in gewisser Weise an die Stelle der Lehre von der natürlichen Theologie in der älteren Dogmatik getreten ist, tatsächlich aber erst aus dem universalen Bildungsinteresse der Aufklärung des 18. Jahrhunderts entstand, welche gegen die dogmatischen Absolutheitsansprüche die ihr eigene ToleranzIdee durchzusetzen suchte. Da ihre Methodologie, die Lehre vom Verstehen religiöser Phänomene, erst in diesem Jahrhundert in der Schule Wilhelm Diltheys entwickelt wurde, ist es für diese erste einleitende Betrachtung notwendig, einige Grundbegriffe der Religionswissenschaft vorab deutlich zu machen, um mit ihnen das gestellte Thema näher einzukreisen.

Religion nennt man im allgemeinen Sinne die Beziehung zwischen dem Menschen und der übermenschlichen Macht, an die er glaubt und von der er sich abhängig fühlt. Diese Beziehung kommt zum Ausdruck in besonderen Gefühlen (Vertrauen und Furcht), Vorstellungen (Glauben) und Handlungen (Gebeten, Riten — speziell Opfern und Erfüllung von religiösen Vorschriften). Unter Religionen versteht man die Arten von Gottesverehrung, die verschiedenen Stämmen, Völkern oder anderen Gemeinschaften eigen sind. .lacob Burckhardt hat es in den ,Weltgeschichtlichen Betrachtungen‘ so definiert: ,,Die Religionen sind der Ausdruck des ewigen und unzerstörbaren metaphysischen Bedürfnisses der Menschennatur. Ihre Größe ist, daß sie die ganze übersinnliche Ergänzung des Menschen, alles das, was er sich nicht selber geben kann, repräsentieren. Zugleich sind sie der Reflex ganzer Völker und Kulturepochen in ein großes Anderes hinein“.

Das Thema aller Religion ist die Erlösung von den Mächten, die der Gemeinschaft mit dem Göttlichen entgegenstehen. Das von Friedrich Schleiermacher so genannte »Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit« ist eine wichtige Seite des religiösen Phänomens, aber es umfaßt nicht die gesamte Erscheinung. Die Ströme des religiösen Lebens entquellen dem Verlangen nach Wahrheit, Frieden und nach einem den Tod überwindenden Leben. Die Bezeichnungen für das Verbundensein mit Gott in den verschiedenen Sprachen der Welt sind sämtlich einseitig und unvollkommen. Die Sprache der christlichen Völker hat das lateinische Wort religio übernommen, das dann im Rationalismus in die Theologie übergegangen ist. Cicero leitete es von relegere berücksichtigen ab, Augustin wollte in dem Wort das Wiederfinden von etwas Verlorenem ersehen, während Lactantius die Ableitung von religare anbinden vertrat und Religion als das Gebundensein, das sich Gebundenwissen an eine höhere Macht erklärte. Die moderne Forschung faßt Religion als Beziehung des Menschen zu übermenschlichen Mächten, an die er glaubt und von denen er sich abhängig fühlt. Diese wissenschaftlich erforschbare Beziehung findet ihren Ausdruck in bestimmten Gefühlen (Vertrauen und Furcht), Vorstellungen (Sagen, Mythen, Dogmen) und Handlungen (Ritus und Kultus). Die in der Bahn des Marburger Gelehrten Rudolf Otto gehende neuere Religionsforschung findet das zentrale Merkmal der Religion in der Realität des "Heiligen", womit eine besondere Erlebnisqualität gemeint ist, die allem religiösen Vorstellen, Fühlen und Handeln zugrundeliegt. Von hier aus hat Ottos Schüler Gustav Mensching Religion als Begegnung mit dem Heiligen und das auf diese Begegnung antwortende Handeln des Menschen definiert.

Der Ursprung der Religion bleibt für unser Wissen verborgen. Wir besitzen keine Zeugnisse über den Anfang der Religion; sie fängt überall da an, wo Menschen auf der Erde leben. Die Frage nach dem göttlichen Ursprung und der übermenschlichen Einwirkung gehört der spekulativen Metaphysik und der positiven Glaubenslehre an. Paulus sieht Röm. 1, 19 f. die Wurzeln der Religion in der Eigenart der kosmischen Erscheinungswelt, nach der sie eine göttliche Offenbarung ausstrahlt, der eine dem Menschen innewohnende Fähigkeit der intellektuellen Anschauung des sichtbar unerreichbaren Kosmos entgegenkommt. Als erkenntnis-theoretisches Urteil ist die Erklärung wertvoll und richtig; als urgeschichtliche Aussage darf sie nicht aufgefaßt werden.

Die Religion gehört zum Allgemeinbesitz der Menschheit. Aristoteles sagt de coelo 1, 5: Alle Menschen haben eine Annahme über Götter und alle, sowohl Nichtgriechen als auch Griechen, so viel überhaupt nur glauben, daß es Götter gebe, teilen dem Göttlichen den obersten Ort zu. Die Epikuräer nannten diesen Gemeinbesitz Prolepsis = allgemein vorausgesetzte Annahme; die Stoiker rechneten die Religion zu den gemeinsamen Gedanken der Menschen.

Die Religionswissenschaft begnügt sich mit dem Hinweis, daß nirgendwo auf der Erde Völker gefunden worden sind, die keine Religion besaßen. Den religionslosen Menschen kennt weder die Völkerkunde noch die Ur- und Frühgeschichte. Aber der Ursprung der Religion bleibt für unser Wissen verborgen.

Die mannigfaltigen Religionsgestalten können nun auf verschiedene Weise in Klassen eingeteilt werden. In formaler Hinsicht scheint die von Mensching vorgeschlagene Dreiteilung von Naturreligion, Volksreligion und Weltreligion die entsprechendste zu sein:

Unter ,,Naturreligionen“ verstehen wir überall auf der Erde vorkommende Kultgemeinschaften niederer Völker, die noch in allgemeiner Abhängigkeit von der Natur leben, welche ihnen daher die religiösen Objekte stellt. Diese Religionen sind polytheistisch, besser polydämonistisch, ihre Welt ist mit unzähligen Kräften oder aber gestalteten und halb-gestalteten göttlichen Wesen bevölkert, die lokal verehrt werden.

Ihnen gegenüber stehen die "Volksreligionen“. Sie werden getragen von Kulturvölkern, die durch geschichtliche Überlieferung und geistige Tradition geprägt sind und die auch die Religion prägen. Innerhalb der Volksreligionen liegt die große Spaltung, die für das vorliegende Thema bedeutsam ist: Es gibt Volksreligionen, deren Götter als naturhafte Gewalten den Kosmos beherschen und die Seinsordnungen des Lebens garantieren: Griechenland, Rom, Babylon und Ägypten, aber auch die alt-indische, alt-chinesische und germanische Religion sind hier zu nennen. Ihnen gegenüber stehen aber Volksreligionen. die auf einer älteren Tradition aufruhen, durch historische Stifterpersönlichkeiten ins Leben getreten sind. In den ausgesprochenen Offenbarungsreligionen erscheint die Gottheit als lebendige, personhafte Macht vom Kosmos losgelöst, die Geschichte wird als Ort der Offenbarung für Frömmigkeit und Gottesumgang bedeutsam, und historische Gestalten gewinnen besondere Bedeutung als persönliche Autoritäten. So wurde etwa in der religiösen Gemeinde Israels die Abkehr von der Natur-religion durch eine einzigartige Geschichtserfahrung vollzogen, durch die Offenbarung des einen persönlichen heiligen Gottes, des Gottes Abrahams, der die Geschicke der Welt auf ein bestimmtes Ziel hin durch-waltet. Er kommt als Richter und Retter und richtet eine Gottesherrschaft auf. Während es sich im außer-biblischen Orient zumeist um Religionen handelt, die keine sittlich-religiöse Einwirkung auf den Geschichtsverlauf ausüben, zieht sich in Israel die Erlösererwartung durch die Geschichte hindurch und erfüllt alles Geschehen und das gesamte Leben des Volkes mit religiöser Spannung. Das Ziel der Erwartung ist ein bleibendes Königreich Gottes. Diese Spannung qualifiziert die Geschichte in religiösem Sinne und hat auch dem Christentum und dem Islam das Gepräge gegeben.

Von diesen Volksreligionen unterscheiden sich die ,,Universalreligionen“ schließlich dadurch, daß sie, gleichfalls meist gestiftet, die kulturellen und historischen Ordnungen der gegebenen Gemeinschaft sprengen und sich an einen nicht mehr volksmäßig beschränkten und nicht mehr volks-mäßig gebundenen Personenkreis und damit an den Einzelnen wenden. Der Unterschied zwischen durch Umwelt, Natur oder geistige Tradition allmählich gewordenen Religionen und den durch historische Persönlichkeiten gestifteten Religionen ist der für diese Darlegungen entscheidende. Dem geschichtlichen Offenbarungserlebnis ihres Stifters entspricht die Heiligkeit Gottes als Herrn der Geschichte.

— Es gibt aber auch Erlösungsreligionen, die in ihrer Substanz geschichtslos sind und daher den Offenbarungsbegriff nicht kennen, wie die ostasiatischen Religionen, Buddhismus oder Konfuzianismus. Auch hier kann man aber, wenigstens in einem abgewandelten Sinne, von Religionsstiftern sprechen, sofern die Lehren des Stifters den geschichtlichen Wirkungszusammenhang der Religion bestimmt haben.

Nun läßt sich neben den üblichen Einteilungen: Volksreligionen und Weltreligionen, Offenbarungs- und Naturreligionen usw. noch eine andere Einteilung vertreten, die sachgemäß ist und naheliegt, aber offenbar infolge dogmatischer Voreingenommenheit der verschiedenen Richtungen niemals vorgenommen wird. Nämlich, die Religionen als eine homogene Gruppe zusammenzufassen, die an den gleichen, von der Bibel bezeugten Gott glauben, der Himmel und Erde geschaffen hat; Judentum, Christentum und Islam. Neben diese "monotheistischen“ Religionen würden dann die ,,polytheistischen‘ (griechische, römische, germanische usw.) Religionen und als dritte Gruppe die ,,atheistischen“ oder besser impersonalistischen Religionen treten, die ohne personale Gottesvorstellungen auskommen (Buddhismus, Konfuzianismus, Urtaoismus). Nicht untergebracht wäre dann nur der Zoroastrismus als ein Mittelding zwischen eins und zwei, insofern er einen konsequenten Dualismus vertritt und sein oberster Gott Ahura Mazda nicht der Gott der Bibel ist.

Die Frage nach der Absolutheit und dem universalen Gültigkeitsanspruch des Christentums würde bei dieser Aufgliederung freilich ins Gedränge kommen, weshalb sie eben nicht beliebt ist, weil grundsätzlich den beiden anderen monotheistischen Religionen biblischer Prägung:

Judentum und Islam, der gleiche Rang und die gleiche Wahrheitsteilhabe zugebilligt werden müßte. Das ist vom rechtgläubigen Christentum, das nicht sein zentrales Dogma aufweichen lassen will, unmöglich, weil Christus als der Sohn Gottes den Weg, die Wahrheit und das Leben darstellt. Wohl aber ist das vom Judentum her möglich, das exklusiv nur für seine Bekenner ist, grundsätzlich aber im Begriff des Noachidismus(Hierüber vergl. E. L. Dietrich: Die ,,Religion Noahs“, ihre Herkunft und ihre Bedeutung, in der von mir herausgegebenen Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 1, 4 (Verlag Junge & Sohn, Erlangen), 1949.) die Möglichkeit von Heilswegen außerhalb des eigenen Religionsbereiches zugibt. Und ebenso hat der Islam denselben universalistischen Aspekt, der es ihm — wie unsere Darstellung zeigen wird — im Prinzip ermöglicht, Judentum und Christentum als rangebenbürtig anzuerkennen. Hinter diesen Vorstellungen steht die im Juden-christentum oder Ebionitismus der ersten nachchristlichen Jahrhunderte ausgebaute Lehre, daß der eine gleiche und absolute Gott mehrere Bünde mit der Menschenwelt geschlossen hat und die des göttlichen Bundesschlusses gewürdigten Menschengruppen je ihren eigenen und in der Unterschiedenheit gleichwertigen Zugang zur Heilswahrheit besitzen.( Vgl. mein Werk ,,Theologie und Geschichte des Juden-christentums“, Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen 1949.) Nur von dieser Konzeption aus sind die biblischen Offenbarungsreligionen: Judentum, Christentum, Islam als voll ebenbürtig nebeneinander zu begreifen. Und nur so ist das Problem des Absolutheitsanspruches jeder dieser Religionen lösbar, weil es sich um verschiedenartige Wahrheitsanteilhaben handelt, da derselbe Gott sich in drei Bundes-schlüssen jeweils neu und jeweils anders offenbart hat. Dieser Religionsuniversalismus ist nicht nur die Überwindung des falschen Lessing‘schen Toleranzprinzips mit der verunglückten Parabel von den drei — gleich unechten — Ringen, sondern es ist nach meinem Dafürhalten auch die einzige Problemlösung, mit der die Religionswissenschaft dem Pluralismus der biblischen Offenbarungsreligionen wirklich gerecht wird.